Lehrerheld

Bewegte Schüler lernen leichter

von Ursula Oppolzer bin 11. Juli 2016

„ Sitzen ist und bleibt die schlechteste Haltung für den menschlichen Körper“  (Junghans 1980)

 

Als ich nach über zwanzigjähriger Selbständigkeit als Dozentin in der Erwachsenenbildung (Kreativitätstraining für Manager, Lehrerfortbildungen, Fortbildungen für Multiplikatoren im Seniorenbereich, etc. ) wieder zurück an die Schule ging, weil ich endlich „sesshaft“ werden wollte, fiel mir sofort auf, dass viele Schüler sich schlechter konzentrieren konnten, viele Details oft nicht genau wahrnahmen, sich Daten und Fakten oft mangelhaft merken konnten. Diese Kinder waren bestimmt ebenso intelligent wie die Kinder vor zwanzig Jahren und doch hatte sich etwas verändert. Es galt, die Schüler so zu fördern, dass die vorhandenen Defizite ausgeglichen, ja, sie vielleicht sogar in Stärken umgewandelt wurden.

 

Ich begann zu recherchieren, um die Ursachen zu klären und integrierte Übungen in den Unterricht, die ich in meinen Seminaren und Fortbildungen eingesetzt hatte, wie z.B. Entspannungs-, Bewegungs- und Konzentrationsübungen. Parallel habe ich Gedächtnistechniken vermittelt und Fantasie und Kreativität trainiert. Einige dieser Übungen stelle ich im zweiten Teil dieses Artikels vor.

 

Der Schulalltag heute wird immer mehr geprägt durch unkonzentrierte, unmotivierte und sehr unruhige, sogar aggressive Schüler. Die Gründe hierfür sind sicherlich vielfältig. Die Umweltbedingungen und die Beschäftigung der Kinder haben sich enorm verändert. Eine Vielzahl elektronischer Medien, Technisierung und Motorisierung bestimmen die Freizeit.

„Aus der Straßenspielkultur ist eine Sitz- und Sehkultur geworden.“ (R. Zimmer: „Handbuch der Bewegungserziehung“ –Herder 1993).

 

Die meisten Schüler verbringen heute im Schnitt mehr als 10 Stunden am Tag im Sitzen. 85 von 100 Schülern haben Haltungsprobleme und ein großer Teil bereits Rückenschmerzen. Folgen des Bewegungsmangels sind nicht nur Übergewicht, Lustlosigkeit und Koordinationsprobleme. Der Zappelphilipp bestimmt immer mehr den Schulalltag.

Die intensiven Reize unserer Umwelt und vor allem der elektronischen Medien führen zwar einerseits zu mehr Gehirnaktivität, zu neuen Denk- und Verhaltensweisen aber andererseits zu einer höheren Reizschwelle – verbunden mit mangelnder Bewegung und fehlender Entspannung aber auch zu Konzentrationsproblemen und Lernschwierigkeiten. reize-phoneDas Gehirn verlangt nach immer mehr und immer intensiveren Reizen, um in Aktion zu treten. Alles wird schnell langweilig und die Zeit der vollen Konzentration wird immer kürzer.

 

Sie erfahren wahrscheinlich täglich, dass Schüler nur begrenzt stillsitzen können. Die Ermahnungen, doch endlich mit dem Rumzappeln, dem Umdrehen zum Nachbarn, dem Hinlümmeln aufzuhören, nehmen immer mehr zu. Am Montag oder nach Feiertagen ist es besonders schlimm mit den Störungen und der „Wuseligkeit“. Wenn ein Schüler sich im Unterricht bewegt, indem er mit dem Radiergummi oder seinen Fingern spielt, will er in der Regel nicht den Lehrer ärgern, sondern er versucht wahrscheinlich unbewusst, einen besseren Zugang zu seinem Wortschatz und zu mehr Denk- und Konzentrationsfähigkeit zu erlangen.

 

Leider können Sie weder die Fernseher Ihrer Schüler abschalten noch Computerspiele einschränken, weder Kinderzimmer bewegungsfreundlicher gestalten noch dafür sorgen, dass die Kinder am Nachmittag mehr Sport treiben. Sie können weder  Probleme im Elternhaus lösen, noch Erziehungsfehler und/oder mangelnde Zuwendung im notwendigen Maße ausgleichen.

Was aber in Rahmen Ihrer Möglichkeiten liegt, ist  den Unterricht so zu gestalten, dass die Konzentration und Lernfähigkeit der Schüler durch kleine Bewegungs- und Entspannungsübungen immer wieder gesteigert werden.

Die Auswertung von Konzentrationstest zeigt, dass Kinder an bewegungsfördernden Schulen schneller arbeiten, ohne dass die Sorgfalt darunter leidet“ (aus: „Die Schule kommt in Bewegung“ Hrsg. Ralf Laging und Gerhard Schillack)

Aufgrund meiner Erfahrung ist es sinnvoll, in den ersten Stunden am Morgen und zu Beginn der Stunden nach den kleinen Pausen mit einer aktivierenden Bewegungsübung zu starten. Die Stunden nach den großen Pausen, in denen zumindest die jüngeren Schüler gerannt sind und gespielt haben, sollten mit einer Entspannungsübung beginnen. Das kann z.B. eine kleine Fantasiereise sein, eine Übung der Progressiven Muskelentspannung oder eine Atemübung.

Ein kurzes Beispiel: „Oma lacht“ OH – MA – HA. Die Schüler stehen auf, atmen bei „OH“ tief ein, bei „MA“ atmen sie aus. Der letzte Rest Luft wird mit  „HA“ ausgeatmet.*

„Durch die Nutzung vielfältiger Bewegungsangebote ist die Aggressivität und Gewaltbereitschaft unter den Schülern in den Pausen wesentlich zurückgegangen.“ Pestalozzischule Magdeburg

 

Entspannungs- und Bewegungsübungen können gleichzeitig die Wahrnehmung fördern, die Konzentration stärken und das Thema der Stunde ansprechen.

Beispiel: Säugetiere in der 5. oder 6. Klasse

Die Schüler bewegen sich bei der Nennung von Säugetieren, die auf der Erde leben, im Stehen. Sie hüpfen z.B. auf der Stelle. Bei der Fledermaus bewegen sie entsprechend die Arme und bei dem Maulwurf, der in der Erde lebt, gehen sie in die Hocke und machen maulwurfartige Grabbewegungen.

Die kleinen Umschaltpausen während des Unterrichts können Sie ebenfalls für 1 – 2 minütige  Bewegungsübungen nutzen sowie weitere Bewegungsmöglichkeiten schaffen, zum Beispiel: Schüler stehen auf, wenn sie etwas sagen, sie holen sich die Arbeitsblätter vom Pult ab, usw.

Einige Bewegungsanregungen für die Grundschule habe ich im Material: „Bewegung in der Grundschule“ und „Bewegung mit Märchen“ auf  lehrerheld.com veröffentlicht. Die Verbindung von haltungsstärkenden, konzentrationsfördernden, entspannenden und speziellen gehirngerechten Übungen führt schließlich zu einem ganzheitlichen Erfolg.  Die Forderung von J.H. Pestalozzi: „Lernen mit Kopf, Herz und Hand“ erhält in der heutigen Zeit eine ganz besondere Bedeutung!

Wenn Sie meine Gedanken bewegt haben, so helfen Sie mit, dass in Zukunft viele bewegte Schüler in Ihrer Schule leichter lernen werden. Ich wünsche viel Freude bei mehr Bewegung im Schulalltag.


Die Überschrift dieses Artikels „Bewegte Schüler lernen leichter“ ist der Titel meines Buches im verlag modernes lernen Dortmund. Einige Textpassagen sind aus diesem Buch übernommen.

Ursula Oppolzer

Ursula Oppolzer

* und ** siehe „63 Tipps für den Unterricht“ Ursula Oppolzer auf  lehrerheld.com

Meine Buch – Empfehlung: Frederic Vester: „Denken, Lernen, Vergessen“ – ein Buch, das jeden Lehrer bereichert.

Ursula Oppolzer

Studium der Biologie und Geografie für das Lehramt sowie Mathematik und Psychologie, Seminarleitung und Vorträge zu den Themen Lernmethodik, Lernpsychologie, Konzentration und Kreativität sowie Lehrerfahrung in der Sekundarstufe I. Mehrere Veröffentlichungen. Nähere Informationen zu mir finden Sie auf meinem Profil auf Lehrerheld.com

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.